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„Photoyla“ oder warum man heutzutage mit Selbstdarstellung überall hin kommt.

Gut eine Minute vor dem Start höre ich zwischen all dem Zischen und „Atmen“ des Vehikels die Durchsage: „LOX-Load complete“. Ich weiß: Nun wird, in wesentlich kürzerer Zeit, die zweite Stufe betankt, lange dauert es nicht mehr.
Mein Anzug sitzt perfekt, der Helm ist kein störender Fremdkörper, neben mir meine Kollegen, die mit mir für diese Reise ausgewählt wurden.
Wir schauen auf die Anzeigen, die uns sagen, dass alle Werte des Vehikels „norminal“ sind, als uns „T minus 15 Seconds“ mitgeteilt wird.
Nach den bekanntesten 10 Sekunden der Welt ruckelt die „Crew Dragon“ Kapsel in Richtung Orbit.
Gut 30 Sekunden nach dem Start höre ich „MaxQ“ und weiß, dass unsere Falcon9-Rakete gerade durch die dichteste Atmosphärenschicht fliegt und unsere neun Merlin-Triebwerke auf gut 65% des verfügbaren Schubs heruntergedrosselt werden, um den atmosphärischen Druck vom Vehikel zu nehmen. Kurz darauf gibt die Rakete wieder vollen Schub.
Weitere zwei Minuten später sind unsere Merlin-Triebwerke ausgebrannt und unsere erste Stufe wird abgesprengt.
Bei uns heißt das „MECO“: „Main Engine Cut Off“.


Bevor einer fragt: Nein, ich bin noch nicht mit einer Falcon9-Rakete oder einer Crew-Dragon-Kapsel geflogen.
Aber ich habe wirklich STUNDEN Material bei YouTube, im Internet und sonstwo konsumiert.
Ich habe sogar ein paar Bücher über die Weltraumfahrt und ich besitze Teile einiger Raumfähren, die tatsächlich im Weltall geflogen sind.

Macht mich dieses Fachwissen und das prominente Platzieren von Fachbegriffen und „theoretisch Erlerntem“ zu einem Astronauten?
Auf gar keinen Fall.
Macht mich die mehr oder weniger erfolgreiche Teilnahme an zwei Halbmarathons, ein bißchen Laufen nach Feierabend und ein paar Bücher, Podcasts und Laufschuhe zu einem Marathonläufer oder gar zu einem Ultra-Runner?
Ebenfalls auf gar keinen Fall!

Warum also gibt es selbsternannte Fotografen, „Berater“ der Fotografie, „Medienschaffende“ und was sonst nicht noch alles, die aber fotografisch einfach nicht existent sind? Die fotografisch einfach keine Relevanz haben - aber über die Fotografie, über die „tiefe Bedeutung“ dieser Kunstform sprechen und schreiben, balkenbiegende Geschichten erzählen, was sie alles schon gemacht und was alles schon erlebt haben?
Die, um mich einer Metapher zu bedienen, über Porsche fahren schreiben, auch mal mit einem geliehenen Porsche Boxster um den Block fahren durften, auch offenkundig von einem Porsche träumen und förmlich um ein solches Fahrzeug betteln und DANN auch noch zu einem Porsche-spezifischen Podcast eingeladen werden, obwohl sie selber nicht mal Porsche fahren und auch nirgendwo belegt ist, dass sie jemals einen, bis auf die Runde um den Block, gefahren sind?

Ein selbsternannter Fotograf, der angeblich Vorstände von namhaften Unternehmen, Musiker, Menschen auf Reisen, Künstler, ganze Hochzeitsgesellschaften fotografiert und sogar selbst Workshops gegeben hat… von dem sieht man keine oder immer nur die gleichen wiederkehrenden Bilder der letzten Jahre.
Nichts neues. Nichts aktuelles. Zumindest nicht aus den genannten Genres. Stattdessen bedient man sich eines neuen „Karnevalskostüms“ von der Figur, die man aktuell gerne verkörpern würde, die man aber nicht ist.

Die aktuelle Gesellschaft, die sozialen Medien und die Podcast-Plattformen geben jedem Menschen die Möglichkeit der zu sein, der man gerne wäre. Böse Zungen würden das „Scheinwelt“ nennen, aber heutzutage hättet ihr Leser es sogar zu akzeptieren, wenn ich sage: „Ich möchte nicht mehr der Mann Robin Dißelkamp sein, sondern ein israelischer Merkava Mark IV Kampfpanzer mit 65 Tonnen Kampfgewicht und einer 120mm-Glattrohrkanone!“.
Dann poste ich ein, zwei recht uninteressante Bilder, erzähle in meinen 1 - 3 Panzer-Podcasts ein bißchen was über meinen Alltag als Kampfpanzer, garniert mit Fachbegriffen und theoretischem Wissen und schon werde ich, Inshallah, als Kampfpanzer wahrgenommen und sogar in Panzer-Podcasts eingeladen!
NATÜRLICH würden dann einige Leute bei mir zuhause mal vorbeischauen und mal vorsichtig nachfragen, was denn da so dran ist an meinem Kampfpanzerdasein.
Die würden mal nachfragen: „Du Robin, also… nur weil Du gern ein Panzer WÄRST und auch ganz schön viel über das Panzer-Dasein WEIßT, bist Du noch lange kein Panzer! Du weißt: Panzer fahren auf Ketten, schießen kilometerweit und Du wiegst gerade mal 75 Kilo. Also um ein Panzer zu sein müsste man das ja schon irgendwie auch nach außen sehen können, aber… naja… Du redest und schreibst maximal drüber!“
Und ich würde sagen: „Naja gut, okay, ich überleg´ mir das nochmal…“

Aber in der Fotoszene hinterfragen komischerweise die wenigsten, ob jemand wirklich auch das liefern kann, was er da die ganze Zeit erzählt.
Nein!
Da wird man für das Hinterfragen, für die vorsichtige Nachfrage nach FOTOS (Ihr erinnert Euch: Ein Fotograf macht FOTOS!) sogar noch angefeindet und bedroht.

Würde ich sagen: „Ich bin Bergsteiger, ich war auf dem Mount Everest!“ würden die Leute nach einem Gipfelfoto fragen.
Würde ich sagen: „Ich flog mit der Crew-Dragon zur ISS!“ würden die Leute ebenfalls nach Fotos fragen!
Wenn ich sage: „Ich bin Pferdemensch!“, dann fragen mich die Leute nach Fotos von mir, auf denen ich mit Pferden beschäftigt bin.
Wenn ich sage: „Ich habe mit der Ölmalerei angefangen!“, dann bitten mich die Leute, ihnen meine ersten Bilder zu zeigen.

Aber wenn ich sage: „Ich bin Fotograf! Und ich lebe und liebe die Fotografie jeden Tag!“ und zeige dann Bilder, die entweder aus der fernen Vergangenheit sind oder die ich kürzlich, gekleidet in meinem aktuellen Karnevalskostüm, gemacht habe, dann folgen mir Menschen, hinterfragen nicht, hören nicht richtig zu und kaufen mir, im wahrsten Sinne des Wortes, alles ab, was ich ihnen erzähle.

„Photographie“ ist altgriechisch und heißt übersetzt „Malen mit Licht“. „Malen“ ist ein Verb, genau wie „fotografieren“ ein Verb ist, in der Grundschule nannte man das „Tu-Wort“, weil fotografieren etwas ist, dass man aktiv TUT!
Das, was an manchen Stellen traurigerweise passiert, möchte ich „Photoyla“ nennen. „Fotosprechen“ wenn man es mit etwas gutem Willen aus dem altgriechischen in die heutige Zeit übersetzt.

Wir sind also in der Fotografie angekommen an einem Punkt, wo nicht mehr das Foto als Ergebnis zählt, als Resultat seiner Liebe zur Fotografie und zur Liebe zu dieser Kunstform… sondern das bloße darüber-Reden reicht, um als Fotograf wahrgenommen zu werden.
Und wenn das so ist, möchte ich ab sofort nicht mehr Fotograf genannt oder irgendwie mit dieser Szene in Verbindung gebracht werden.



Meine Geschichte.

Brütend heiß war es am 23. Juni 1983 in Bochum, als ich nachmittags das Licht der Welt erblickte. 

Wenige Wochen zuvor war meine Mutter aus Pakistan zurückgekehrt. Dort arbeitete sie als Expeditionsärztin der 1. Nordrhein-Westfälischen Himalaya Expedition zum Südwestgrat des Nanga Parbat. 
Mein Vater hätte bei diesem Vorhaben auch dabei sein sollen, jedoch vermutete man bei Ihm zwei Tage vor der Abreise den Ausbruch der Masern, so dass er zuhause blieb, um die restlichen Expeditionsteilnehmer und vor allem meine Mutter nicht durch den möglichen Ausbruch der Krankheit zu gefährden. 

Die Fotografie war ein Teil der Tätigkeiten meiner Eltern. Mein Vater dokumentierte seine Expeditionen und Besteigungen und meine Mutter hielt als Expeditionsärztin Länder und Einheimische mit Ihrer analogen Leica-Kleinbildkamera fest. 
Ich erinnere mich gut an den Geruch ihrer ledernen Kamerataschen oder an den beißenden Essiggeruch beim Entwickeln Ihrer Filme. 
So kam ich früh mit der Fotografie und der Bedeutung, Momente für die Ewigkeit zu konservieren, in Verbindung. 

1990 bekam ich die alte Leica M3 meines Vaters: Meine erste Kamera. 
Diese Kamera hatte ihn in den Alpen, im Kaukasus und im Himalaya auf seinen Bergtouren begleitet. Dementsprechend hatte er ein wachendes und strenges Auge auf meinen Umgang mit dem Gerät, so lernte ich den gewissenhaften Umgang mit dem Handwerk der Fotografie. 

Im gleichen Jahr begannen meine Eltern, dem intensiven Expeditionsbergsteigen die Rücken zu kehren, blieben aber thematisch dem Bergsport treu. 
Meine Mutter fotografierte für bekannte Sportartikelhersteller die Katalogfotos, mein Vater begleitete Athleten in den Alpen auf Ihren Touren und dokumentierte diese für Werbezwecke und Sportmagazine. 
So kam es, dass ich nach dem Kindergarten und später nach der Schule die Zeit bei meiner Mutter im Atelier verbrachte oder in den Ferien meinen Vater bei seinen Aufträgen assistierte. 

Um die Jahrtausendwende dann gingen meine Eltern nur noch zur eigenen Entspannung und im Urlaub in die Berge. Mein Vater hatte sich inzwischen den Traum seiner eigenen Kfz-Werkstatt erfüllt, wo meine Mutter die Buchführung und die Bürotätigkeiten übernahm. 

Im Jahr 2002 machte ich als zweitbester meines Jahrgangs Abitur und zog in eine Dachgeschosswohnung in Ober-Mumbach bei Darmstadt, um eine Karriere als Raumfahrtingenieur bei der ESA zu beginnen. 
Doch während meiner Semesterferien in meinem zweiten Studienjahr biss mir eine Monokelkobra auf einer Reise durch Südwestchina ins linke Schienbein und die sowohl zytotoxischen als auch neurotoxischen Auswirkungen dieses Schlangenbisses zwangen mich zur Aufgabe meines Traumes, Astronaut zu werden. 
Im Tropeninstitut des Universitätsklinikum Frankfurt erinnerte ich mich an die alte Leica M3 meines Vaters und begann, das Krankenhauspersonal zu portraitieren - Das war der Startschuss meiner Fotografenkarriere. 

Zurück in Bochum, zwischenzeitlich auch zwei Jahre in Aachen, arbeitete ich, neben meiner täglichen Arbeit als Vertriebsmitarbeiter, als freier Fotograf. 

Ich portraitierte junge, hübsche Frauen und begleitete Hochzeitspaare fotografisch am Tag Ihres Ja-Wortes. So erarbeitete ich mir einen guten Ruf als Fotograf und visueller Wegbegleiter. 

2008, auf einer Reise durch Amerika, schlug jedoch das Schicksal erneut kalt und frei von Skrupeln zu. 
Am 11. März diesen Jahres wohnten mein Freund und Kollege Christopher und ich einem Space-Shuttle Start vom Kennedy Space Center in Florida bei, ein Kindheitstraum von mir, als mich kurz nach dem Start ein gefrorenes Schaumstoffteil des externen Treibstofftanks, welches das Shuttle „Endeavour“ in die Umlaufbahn brachte, am Kopf traf, ich das Bewusstsein verlor und ins Koma fiel. 
Übrigens war dieser technische Mangel des externen Treibstofftanks auch der Grund, der das Space Shuttle „Columbia“ im Jahr 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre in ca. 61.000 Metern Höhe über Texas auseinanderbrechen ließ.
Offenbar hatte die NASA die Korrektur dieses Mangels nicht genügend ernst genommen.

Als ich aufwachte, lag ich in einem schmalen Raum und blickte an eine weiße Decke. Mir war warm, der Geruch kam mir vertraut vor und ich hörte mir bekannte Stimmen und Geräusche. 
Ein Staubsauger stieß von außen an die Zimmertür, die Uhr zeigte 09:15 Uhr am Morgen des 11. April 2009.
Ich stellte einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Tatsachen her und schlussfolgerte: Ich bin offenbar bei meinen Eltern. Anders konnte ich mir dieses Geräusch und die frühe Uhrzeit nicht erklären - typisch Mutter eben. 
Ich versuchte aus dem Bett aufzustehen, doch meine Beine versagten ihren Dienst und ich fiel mit einem dumpfen Knall zu Boden. Meine Mutter öffnete die 
Zimmertür, lächelte mich warmherzig an und fragte: „Spiegel- oder Rührei? Du hast etwas länger geschlafen…“. 

Am Frühstückstisch erklärten mir meine Eltern, was passiert war und was ich offenbar vergessen hatte. 

Der Schlangenbiss in Südwestchina, das Schaumstoffteil des externen Treibstofftanks der „Endeavour“ und meine fotografischen Errungenschaften. 
Ich brauchte ein paar Tage, um Erinnerungen und Gedanken zu ordnen und zu entscheiden, womit ich mein weiteres Leben füllen würde: 
Mit Fotografie.