„Ich möchte bewegen – die Richtung bestimmt jeder selbst!“

Heute morgen hatte ich einen whatsapp-Dialog mit meinem guten Freund Martin Hirsch.
Im Laufe dieses Dialogs, bei dem es unter anderem um Bücher und deren Preise, soziale Medien und Bäckereien in Solingen ging, fiel von Martin der Satz: „Naja, meine Bilder sind natürlich auch etwas ‚massenkompatibler´“ als es um das alte Leiden „Reichweite“ ging.

Offen gestanden bewundere ich Martins Arbeiten und sein Netzwerk an Models, woraufhin er mir schrieb: „Ach, solche tollen Models gibt´s bei Dir auch – Mach doch mal ein paar gefälligere Bilder!“.

Ich runzelte die Stirn und dachte darüber nach.
Ich schlussfolgerte: „Meine Bilder sind also nicht gefällig? Sie gefallen also nicht?“, was ich für wenige Sekunden pauschal negativ konnotierte.
Doch kenne ich Martin und weiß, wie er so einen Satz meint.

Spulen wir mein Leben mal ein paar Jahrzehnte zurück.
Um die Jahre 1995/1996 herum entdeckte ich zwei für mich prägende Dinge für mich:
Das Skateboard und den Punk.
Und mit diesen beiden Entdeckungen entwickelten sich meine Augenbrauen ein paar wenige Millimeter weiter Richtung Süden: „Doof, (fadenscheinig) selbstbewusst und vor allem: DAGEGEN!“.
Während die anderen Kids in meinem Alter „Lemon Tree“ von Fool´s Garden oder „Macarena“ hörten, hörte ich Social Distortion (allein der Name sagt alles!), NOFX, Bad Religion und auch die Böhsen Onkelz.

Man entscheidet sich ja nicht bewusst für diese Richtungen und Wege.
Der Punk fand mich.

Meine Mutter war (und ist) Hausfrau, mein Vater Kfz-Mechaniker.
Ohne das in irgendeiner Weise diffamierend zu meinen: Meine Eltern waren nicht gerade kulturell gebildet, versuchten aber an Maßstäben der bürgerlichen Gesellschaft und der katholischen Kirche viel richtig zu machen.
Zugegeben: Der Leitstern meiner Eltern im Hinblick auf meine Erziehung war (und ist): Sorge.
Der Junge soll bloß nicht auffallen, er muss gut in der Schule sein, bißchen Fußballverein ist okay, aber bloß nicht auf irgendeine schiefe Bahn – immer unter dem Radar, in der Mitte der Gesellschaft, bestenfalls zwischen allen anderen Lemmingen.

Doch hatte ich ein fürchterliches Geltungsbedürfnis.
Als kleinerer der Brüder, als eher schlechter Schüler und auch optisch nicht gerade von Gott gesegnet meinte ich, laut und sehr deutlich sein zu müssen.
Und im Rahmen der von meinen Eltern gegebenen Möglichkeiten versuchte ich, „anders“ auszusehen: Bandshirts, Skate-Sneaker, Thrasher-Pulli, aber BLOSS KEINE zerrissene Jeans – meiner Mutter hätte mir links und rechts eine gescheppert!

Ich sah und bewunderte die „anderen“. Die Unangepassten. Die Revoluzzer. Die, die sich etwas trauten.
Ich schaute Skate-Videos, in denen sich Skateboarder mit Polizisten und Passanten prügelten. Ich sah ausgeschlagene Zähne. Ich sah Punkbands und deren Publikum komplette Clubs und Hallen zerlegen.
Und ich hörte die Böhsen Onkelz singen/schreien:
„Hast du als Kind schon Schwesters Puppen massakriert? Hast du Dir selbst hinters Ohr drei secher tätowiert?“
Okay, ich habe keine Schwester und mit 13 war ich für Tattoos noch zu jung: Aber ich erkannte mich in all dem, was ich damals sah und konsumierte, wieder.

Und so nahm´ mein Leben eben in den nächsten Jahren diesen Lauf:
Schule musste zwar sein, war aber ätzend, nachmittags direkt mit den Jungs Skateboard fahren gehen (einhergehend damit: Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung dies das…), Eistee aus der 1,5-Liter-Tüte und dazu ein batteriebetriebener Kassetten- oder CD-Spieler mit den oben genannten Bands.

Auf zwei Dinge hofften meine Eltern zu der Zeit ganz sicher gleichermaßen:
Einen 6er im Lotto und darauf, dass sich das alles bei mir irgendwann „rauswächst“.

Spoiler: 2x nein.

Ab in den DeLorean und von ca. 1996 ins Jahr 2020.
Ich rolle auf meinem Skateboard neben meiner Tochter auf Ihrem Fahrrad her und wir beide lachen, strahlen und freuen uns gemeinsam! Wir überholen Familien mit diesen „Lastenfahrrädern“, in denen die Kinder vorne drin sitzen und ich muss schmunzeln.
Meine Arme sind tätowiert, die Jeans hat Löcher und auf meinem Shirt steht „Nichts ist für die Ewigkeit – Hockenheimring 20. + 21. Juni 2014“.

Es ist nicht rausgewachsen.
Es ist mitgewachsen.


Schließen wir den Kreis zu Martins „Mach doch mal ein paar gefälligere Bilder!“: Ich kann´s nicht.
In meinen Augen SIND meine Bilder schon sehr gefällig: Schöne Frauen, mehr oder weniger leicht bekleidet.
Was an meinen Bildern nicht so gefällig ist, sind die Düsternis, die Bildschnitte und stellenweise manchmal vielleicht auch die Melancholie oder was auch immer der Betrachter in meinen Bildern sieht. Und die Störer.
Oder um Stephan Weidner zu zitieren: „Ich möchte bewegen – die Richtung bestimmt jeder selbst!“

Denn so ist es mit „gefälligen“ Bildern: Die Richtung ist vorgegeben. Man guckt drauf und hat SOFORT einen Eindruck, den meist auch 99% der restlichen Betrachter haben.
Ich kann das nicht. „Gefällig“ war und ist nicht meins.

Ich liebe es und freue mich diebisch, wenn ich den Menschen, den ich fotografiere, hinter eine Fensterscheibe stellen kann und somit Störer ins Bild einbaue. Nicht um die Haut weicher zu machen, sondern um dem Bild so etwas wie eine weitere Dimension hinzuzufügen.
Genauso verhält es sich mit dem Nebel. Oder damit, dass ich Bilder vollkommen unlogisch und entgegen alle Regeln anschneide.
Ich möchte den Betrachter beschäftigen. Ihn eben NICHT einfach so weiterscrollen lassen und „Och joa, schön!“ sagen hören!
Ich möchte den Betrachter stören. Ihn am Kragen packen und sagen:
„Guck´s Dir an – ist anders als die ganze andere Scheiße, ne?“. 

Das klappt nicht immer. 

Aber der Weg, der Gedanke, fühlt sich gut an.
Vermutlich, weil er schon seit Mitte der 90er in mir drin ist und sich nicht rausgewachsen hat.  

Ich liebe dieses „andere“.
Die Schönheit in der Störung, die Ästhetik im Chaos und diesen Glanz der Dinge, die aus dem Einheitsbrei herausscheinen – auch wenn sie erstmal unpassend und „nicht dazugehörig“ wirken.

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